Der Meister des schönen Klangs

Ob in Trossingen, Villingen, Tuttlingen: Wenn exzellente Pianisten wie Bernd Glemser oder Henriette Gärtner konzertieren, ist die Begeisterung grenzenlos. Eines aber wird dabei meist vergessen: Erst ein guter Klaviertechniker macht das vollkommene Klangerlebnis möglich.

Alfred Thiele

Trossingen - Gelobt werden sie so gut wie nie, Kritik dagegen gibt’s sehr wohl, sollte ein Flügel mal nicht ganz so klingen, wie der Pianist oder die Pianistin sich das vorgestellt hat. Dabei sind sie unersetzlich, schließlich wären Konzertagenturen und „Starpianisten“ ohne Klaviertechniker und Stimmer völlig aufgeschmissen. Sie sind letztendlich die „stillen Helden“ hinter der Musik, konstatiert der Kulturjournalist Jochen Eichner: „Mit ihrem Handwerk bereiten sie den Boden, damit Kunst entstehen kann.“ Nicht selten sind Klaviertechniker und Klaviertechnikerinnen auch Mutmacher, Seelsorger und Tröster für all jene, die mit ihrem Instrument im Rampenlicht stehen. Zu ihnen gehört der Trossinger Klavierbaumeister Anton Hermann. Wie viele seiner Kolleginnen und Kollegen hat er ebenfalls die Erfahrung gemacht, dass lobende Worte der Künstler selten sind. Aber es gibt auch erfreuliche Ausnahmen: „Der österreichische Konzertpianist Rudolf Buchbinder etwa hat mir sogar mal einen Blumenstrauß geschickt, Christoph Soldan hat sich in einem Brief und mit einer CD bedankt“, freut sich Anton Hermann auch noch nach Jahren.

Ist es bereits eine hohe Kunst, Flügel und Klaviere in Vollendung zu bauen, so ist es erst recht eine Kunst, diese Instrumente perfekt zu stimmen und – an erster Stelle – zur Vollkommenheit zu intonieren. Seine wahre Klangschönheit und seine schier unerschöpflichen Ausdrucksmöglichkeiten in Dynamik und Klangfarbe kann ein Piano schließlich erst nach der idealen Intonation entfalten - sie ist das Alpha und Omega. Das Intonieren ist nicht zuletzt eine Frage der Begabung, des Hören-Könnens, der musikalischen Sensibilität und des handwerklichen Feingefühls. Spätestens hier beginnt die Hohe Schule des Klavierbaus und Handwerk wird zum „Kunst-Handwerk“.

Klavierbaumeister Anton Hermann beherrscht die Kunst der Intonation und des Stimmens mit beeindruckender Virtuosität. Für ihn sind Klaviere und Flügel Instrumente mit „Seele“, eigenständige, im Charakter oftmals grundverschiedene „Wesen“, die entsprechend behandelt werden wollen, sollen sie ihre Klangschönheit und ihre Ausdruckskraft uneingeschränkt entfalten - wie immer sie nun auch heißen mögen, ob Bechstein, Blüthner, Bösendorfer, Sauter, Schimmel, Steinway oder Yamaha.

Die Meisterschaft Anton Hermanns hat ein solides Fundament, hat er doch sein Handwerk in der inzwischen ältesten Pianoforte-Manufaktur Europas gelernt – bei Carl Sauter in Spaichingen. In einer Klavierbau-Werkstätte mit langer Tradition also, deren Wurzeln im Wien des frühen 19. Jahrhunderts liegen: Der Urvater der Sauter-Dynastie, Johann Grimm, ein junger Spaichinger Möbeltischler, der vom Wunsch beseelt war, gute und wohlklingende Pianinos zu bauen, lernte diese Kunst in der legendären Werkstatt des großen Klaviermachers, Komponisten und Schriftstellers Johann Andreas Streicher, einem aus Stuttgart stammenden Schwaben und engen Freund Beethovens und Schillers.

Nach seiner Meisterprüfung hat sich Anton Hermann, der bereits während seiner Lehrzeit auf mehrere Auszeichnungen stolz sein konnte, keinesfalls zufrieden zurückgelehnt, sondern er hat sich immer wieder weitergebildet, sein Wissen vertieft und seine handwerklichen Fertigkeiten und sein Feingefühl perfektioniert. Nicht zuletzt gehört er zu den ganz wenigen Klavierbauern, die sich auf geradezu philosophische Weise mit dem Wesen des Klangs auseinander setzen, die historische Instrumente kennen und schätzen und die darüber hinaus nicht nur selbst gerne Klavier spielen, sondern auf ein profundes musikalisches und akustisches Wissen zurückgreifen können.

Anton Hermanns große Leidenschaft in gehört dem Konzertflügel, jenem Instrument, das, von „großen“ Pianisten gespielt, in den Konzertsälen in aller Welt erklingt. Seine Liebe zu diesen „Stradivaris“ der Klavierbaukunst führte ihn als Volontär zur Carl Bechstein AG und zu Steinway & Sons – Unternehmen, die zu den international führenden Manufakturen zählen. Bei Steinway wurde Anton Hermann zum Konzerttechniker ausgebildet, seither kann er sich nicht nur Klavierbaumeister, sondern zudem „Diplom-Steinway-Konzerttechniker“ nennen. „Das Stimmen und das Intonieren ist für mich niemals eine Routineangelegenheit“, sagt der Meister, der zu jenen Menschen gehört, die sich trotz ihrer außergewöhnlichen Fähigkeiten eher bescheiden geben: „Beim Stimmen und Intonieren geht es darum, kundig und sehr sorgfältig ans Werk zu gehen. Erst so werden eindrucksvolle, inspirierende, zu Herzen gehende musikalische Hörerlebnisse möglich.“

Sein Wissen und sein Können machten Anton Hermann im Laufe der Zeit zu einem der anerkanntesten und gefragtesten Konzertstimmer zwischen Schwarzwald und Bodensee. So betreut er unter anderem die Flügel in der Staatlichen Musikhochschule in Trossingen, im Franziskaner-Konzerthaus und in der Tonhalle in Villingen, in Donaueschingen, Tuttlingen, Singen, St. Georgen, Rottweil, Spaichingen und Stockach. Nicht nur bei Konzerten mit internationalen Pianisten ist er ein gefragter Mann - auch bei Festivals ist er regelmäßig im Einsatz: etwa beim Honberg-Sommer in Tuttlingen, beim Internationalen Jazzfest in Villingen sowie in Rottweil beim Klassikfestival „Sommersprossen“, beim „Ferienzauber“ und beim Jazzfestival.

SÜDWESTPRESSE 8. März 2014

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